Antworks

Archivbeitrage aus den Unterforen "Einsteigerfragen" und "Diskussion und Fragen allgemein" aus den Jahren 2003 bis 2008.

Antworks

Beitragvon L4R5 » 7. Sep 2006 16:59

Hi,

ich hab mir ein Antwork gekauft. Nun meine Frage:

Welches Volk empfehlt Ihr mir? Sollte es gleich ein ganzes Volk sein oder erstmal nur eine Königin.

Wie lange überlebt ein Volk in solch einem Behälter? Sollte ich irgendwas beachten ?!

Es liegt zwar eine Anleitung dabei doch die ist, wie ich finde, nutzlos.

Vielen Dank im vorraus.

(per Boardsuche leider nur einen ähnlichen Beitrag auf holländisch gefunden)
L4R5
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Beitragvon NuEM » 7. Sep 2006 18:08

Nun, zuerst sollte nichts rein, sonder etwas raus. Und zwar das Gel. Entgegen allen Behauptungen der Werbung, ist das Zeug nämlich überhaubt nicht zur Ameisenhaltung geeignet. Die Tiere werden innerhalb von 1-3 Monaten (vermutlich qualvoll) eingehen.

Also Raus mit dem Glibber, und stattdessen kommt z.B. ein Sand-Lehm Gemisch über einer Tongranulat-Schicht (Seramis) rein. Denk auch an die Bewässerung. Es reicht im Prinzip vorsichtiges Beregnen/Besprühen von oben, aber man kann auch zwischen Seramis und Sand/Lehm einen Drainageschlauch legen, und von unten Bewässern. Im Forum finden sich sicher Anleitungen dazu.

Um den Ameisen in der Erde ein höheres Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, empfehlt es sich, die Scheiben zu verdunkeln. Da sich bis jetzt darauf getesteten Ameisenarten als rotblind herausstellten, bietet rote Folie einen guten Kompromiss aus Sichtschutz und Beobachtungsmöglichkeit. Klebe diese aber nicht fest auf, um die Möglichkeit zu erhalten, unter die Folie zu schauen.

Als nächstes brauchst du eine "Arena". Das kann im Grunde jedes Gefäß von der Tupperdose bis hin zum Aquarium sein, und dient den Ameisen als "Außenwelt". Die Arena wird über einen Schlauch mit dem Nest - also bei dir dem Antwork - verbunden, oder aber das Nest wird direkt in die Arena gestellt. Wichtig für die Arena ist eine Ausbruchsperre, welche die Ameisen (mehr oder minder erfolgreich) am Entweichen hindert. Dafür kommt Talkum in Frage, oder auch PTFE, oder Paraffin-/Planzenöl. Oder auch einfach ein dicht schließender Deckel, wobei da die Belüftung nicht vergessen werden darf. Jede Ausbruchsperre hat ihre Vor- und Nachteile, und nicht jede ist für jede Ameisenart gleich wirksam. Auch zu diesem Thema lässt sich hier im Forum einiges finden.

Als Ameisenart würde ich Lasius niger oder Myrmica rubra empfehlen. Dies sind lebhafte und aktive Arten mit interessanem Verhalten, die gleichzeitig auch den einen oder anderen Anfängerfehler verzeihen. Außerdem sind sie leicht zu bekommen, sowohl im Handel als auch durch Selbstfang, sind keine geschützten Arten und da sie hier heimisch sind, sind sie auch keine Bedrohung für unser Ökosystem, sollten die trotz aller Vorsicht einmal entkommen. Allerdings beginnt für sie, wie für alle heimischen Ameisen, bald die 5-6 monatige Winterruhe. Auch hierzu wieder der Hinweis auf dieses und andere Foren.

Nicht zuletzt brauchen Ameisen Nahrung und Wasser. Wasser bekommen sie zum einen durch die Befeuchtung des Nestes, zum anderen sollte es als frisches Trinkwasser auch immer seperat Angeboten werden.

Als Kohlenhydratquelle ist Honig das ideale Ameisenfutter. Er ähnelt sehr dem Honigtau, den Ameisen in der Natur von Blattläusen sammeln, und enthält neben diversen Zuckerarten auch Aminosäuren, Enzyme, Mineralstoffe und Vitamine.

Dann brauchen Ameisen noch Proteine, wobei die beste und natürlichste Nahrung aus Insekten besteht. Diese können selbst gefangen werden, (achtung Artenschutz beachten!) oder im Zoofachhandel gekauft werden. Mehlwürmer z.B. haben sich bewährt und werden von viele Ameisen gerne genommen. Insekten, vor allem aus dem Handel, sollten aber vorher mit heißem Wasser kurz überbrüht werden, um mögliche Parasiten, vor allem Milben, abzutöten.

Im groben war es das, glaube ich. Ich empfehle die aber, dich in diesem und in anderen Foren noch weiter in die Materie einzulesen. Wenn du noch Fragen hast, wird dir hier auch gerne weitergeholfen.
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Beitragvon L4R5 » 7. Sep 2006 21:38

Erstmal vielen Dank, dass du mir so ausführlich geantwortet hast :)

Ich bin momentan total begeistert von diesem "thema". Habe es auf meinem Schreibtisch stehen, direkt neben meinem Monitor und finde es faszinierent immer mal wieder drauf zuschauen und zusehen, was die kleinen tierchen da so treiben. Einige sind total fleißig am arbeiten, andere stehen gelangweilt in der Ecke und tun garnichts.

Aber die meisten sind tot. Von etwa 15 stk. leben nach ca. 48 std. noch ungefähr 7-8 stk. Ist das normal? Liegt das wirklich an dem Gel oder ist das eine Art Schock weil sie so abrupt aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen wurden?

Ich habe mir gerade überlegt, dass ich das AntWork vielleicht über einen Schlauch mit einer "Ant Box 10x10x20" verbinde um damit die von dir angesprochene "Arena" zu schaffen, in die ich dann Futter und Wasser stelle. Würde das gehen? Mir wäre es nämlich sehr wichtig, dass das alles auf meinem Schreibtisch passt und nicht zugroß wird.

Dann hätte ich noch eine weitere Frage: Erkennen Ameisen eigentlich wann sie aufhören sollten sich zu vermehren... also wenn kein Platz mehr im Becken zurverfügung steht?! Nicht das mir nach paar Wochen der Deckel abplazt weil alles voll mit amies ist!
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Beitragvon Radon » 7. Sep 2006 22:08

Hmm "gerissen worden"? Das klingt, als hättest Du in der Natur einige wildlebende Ameisen aufgelesen und dort hineingesetzt. Wenn das zutrifft, würde das ihren Tod erklären, denn dann hast Du mit sicherheit nur einige Arbeiterinnen gesammelt. Damit ein Ameisenvolk überleben kann, benötigt es jedoch eine Königin. Diese sorgt für Nachwuchs und ist das Zentrum einer Ameisenkolonie. Hat eine Kolonie keine Königin/-nen mehr, so stirbt sie, da alle Arbeiterinnen nur für die Königin und das Kollektiv leben. Jetzt allerdings in die Natur zu gehen und ein Nest zu plündern wäre der falsche Weg, erstens da Nestraub in etwa den selben Stellenwert hat wie Schmetterlinge zu fangen und an-die-Wand-zu-pinnen, zweitens auch weil es der Kolonie schadet und ihre Überlebenschancen reduziert.

Am besten wäre, Du wartest bis unsere einheimischen Arten schwärmen und sammelst dann eine Jungkönigin ein, oder Du bestellst eine gezüchtete Kolonie oder Königin bei Antstore. Egal wie du dich endscheidest, wirst du hier im Forum viele Informationen finden, welche Ameisenarten bei uns leben und welche man davon einfach halten kann (und darf).

Was das Gel betrifft, denke ich nicht, das es toxische Wirkung auf die Tiere hat, trotzdem halte ich es persönlich für wenig artgerecht. Es ist ein sehr "american way" der Ameisenhaltung, und gerade Amerikaner sind hinreichend dafür bekannt von Worten wie "Artgerecht" und "Umwelt" selten etwas gehört zu haben, zumindest solche, die nur am Profit interessiert sind. Ameisen fühlen sich wesendlich wohler, wenn man sie in einem Naturstoff nisten lässt, was das für einer ist hängt von der Art ab.

Hoffe ich konnte ein wenig helfen,
MfG Radon
Zuletzt geändert von Radon am 7. Sep 2006 22:40, insgesamt 1-mal geändert.
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Beitragvon NuEM » 7. Sep 2006 22:36

So schnell sollten die Tiere nicht sterben. Vermutlich wurden sie beim Aufsammeln so stark verletzt, dass sie verendet sind. Mein Rat, bring die Überlebenden dahin zurück, wo du sie gefangen hast, und plane dann nochmal richtig. Erst wenn du dann alles vorbereitet hast, solltest du dir Ameisen besorgen.

Der Raub aus einem Nest in der Natur ist, wie mein Vorredner bereits gesagt hat, der schlechteste Weg. Die Haltung nur von Arbeiterinnen ohne Königin ist auch nicht schön, erlebt man doch nicht mehr, als den Ameisen beim langsamen Wegsterben zuzuschauen.

Die beste Möglichkeit für Neueinsteiger ist meiner Meinung nach tatsächlich der Kauf bei einem der bekannten Internet-Händlern. Dort kannst du in der Regel auch sicher sein, keine geschützten Arten zu kaufen, was dem Laien in der Natur leicht passieren kann.

Bei diesen Shops gibt es junge Lasius niger Kolonien für unter €10. Bei guter Pflege können diese bis zu 20 Jahre und mehr leben, und dabei eine Volkstärke von mehreren tausend Arbeiterinnen erreichen.

Die Ameisen hören aus Platzgründen nicht mit dem Wachstum der Kolonie auf. Zwar lässt sich die Kolonie durch Nahrungsverknappung künstlich klein halten, aber das ist alles andere als artgerechte Haltung, es grenzt an Quälerei. Doch auch auch eine große "Anlage" für Lasius niger sollte auf einem Schreibtisch Platz finden, da die Ameisen selbst relativ klein sind. Auch lassen sich mit Schläuchen und Rohren Zugänge zu weiteren Arenen schaffen.
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Beitragvon earlant » 8. Sep 2006 14:23

@ L4R5:

Also irgendwas stimmt hier nicht!

Am Do Sep 07, 2006 5:59 pm schreiben Sie, dass Sie sich ein Antworks gekauft haben und fragen, was Sie da reinsetzen sollen.
Am Do Sep 07, 2006 10:38 pm, keine FÜNF Stunden später, berichten Sie über den Zustand nach ACHTUNDVIERZIG Stunden:
Aber die meisten sind tot. Von etwa 15 stk. leben nach ca. 48 std. noch ungefähr 7-8 stk.
Im übrigen habe ich noch keinen einzigen Bericht gesehen, wonach in einer solchen Gelfarm eine Königin mit Erfolg eine Kolonie gegründet, oder ein Volk irgendwelche Brut aufgezogen hätte.

Dieses Kinderspielzeug (? - der pädagogische Wert ist m.E. verheerend! Vermittelt bereits kleinen Kindern, dass Tiere Verbrauchsartikel sind, die "halt sterben") dient ausschließlich dazu, ein paar armseligen Arbeiterinnen zuzusehen, wie sie "verzweifelt" (Ameisen haben kein Gefühlsleben, das man mit unserem vergleichen könnte) in der Pampe herumstrampeln und schließlich verrecken.

Meine Empfehlung: Antworks wegschmeißen, sich über die Lebensweise von Ameisen gründlich informieren (Foren u.a.) und dann in einem brauchbaren Formikarium (Eigenbau oder Kauf) eine leicht zu haltende Art beobachten.

mfG,
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