Eiablage alater Weibchen

Archivbeitrage aus den Unterforen "Einsteigerfragen" und "Diskussion und Fragen allgemein" aus den Jahren 2003 bis 2008.

Eiablage alater Weibchen

Beitragvon K Kris » 25. Mai 2006 10:05

Hallo zusammen,

Vor gut zwei Wochen habe ich bei der Rückkehr nach Ljubljana - von einem privaten Besuch in München - in den Karawanken (an der ersten Raststatt nach dem Karawankentunnel) ein alates Weibchen gefunden und mitgenommen. Es ist eine grosse Myrmicinae, nachgemessen habe ich 11 - 12mm, wonach ich ausgehe, dass es sich wohl nur um Manica rubida handeln kann?

Ich habe natürlich gehofft das Ihre Hoheit die Flügel abwirft und damit ihre Koloniegründungswilligkeit preisgibt. Sie hat zwar Anstalten gemacht, die mich aus persönlichen Erfahrungen darauf schliessen lassen, dass sie die Flügel abwerfen wollte. Irgendwie gelang es ihr aber nach langen Bemühungen trotzdem nicht. Mittlerweile sehe ich sie nur hin und wieder an ihren Flügeln streifen.

Sie hat sich schnell in einem RG angesiedelt, fouragiert seitdem umher und frisst fleissig verschiedene Standardfutterangebote (Honigwasser, Insekten u.A. Gliederfüssler).
In den letzten paar Tagen hat sie ungefähr ein Dutzend Eier abgelegt.

Es ist mir klar, dass manchmal unbegattete Königinnen in der Gefangenschaft (vielleicht auch in der Natur?) Eier legen, die dann entweder absterben oder sich zu Männchen entwickeln.

Meine Frage ist allerdings ob es möglich ist, dass es zu einem mechanischen Fehler gekommen sein mag, der der Königin den Flügelabwurf irgendwie verwehrt hat?
Ich glaube mal gelesen zu haben, dass die Möglichkeit einer erfolgreich begatteten Königin befruchtete Eier zu legen, physiologisch durch den Flügelabwurf bedingt ist. In dem Fall wäre meine Frage natürlich beantwortet, obwohl zu meiner Unzufriedenheit :( Vielen Dank für Eure Beiträge!
K Kris
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Beitragvon HeldGoP » 25. Mai 2006 11:15

hi,

ich habe letztes jahr eine Lasius königin gefangen, die ist mir zugeflogen und hatte noch ein männchen anhängen. das pärchen habe ich dann sofort in ein rg, das ich in der tasche hatte, gescheucht und zu den anderen Lasius königinnen gelegt. nach ein paar tagen saß die queen in der einen, das tote männchen in der anderen ecke. flügel waren noch dran und eier gelegt.

wie auf dem bild zu sehen hatte die queen ihre flügel immernoch:
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jedesmal wenn ich die abdeckung vom rg machte und die queen aufgeregt herumlief, hat sie beim drehen mit ihren flügeln die ganze brut im rg verteilt, deshalb sa die queen dann irgendwann so aus:
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ob die arbeiter oder die königin die flügel abgebissen haben weiß ich nicht.

inzwischen sind die flügel komplett ab.

mfg

edit: vllt hat der queen in dem rg auch einfach der platz gefehlt um die flügel abzuwerfen?
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Beitragvon K Kris » 25. Mai 2006 11:34

vllt hat der queen in dem rg auch einfach der platz gefehlt um die flügel abzuwerfen?


Daran kann es nicht liegen. Die Königin hat(te) genug Platz auch ausserhalb des RGs. Ich habe das RG nicht verschlossen, da es sich um eine semiclaustral gründende Art handelt und Futterbeschaffung während der Gründungsphase ermöglicht sein muss.

Das Flügelabbeissen habe vor etlichen Jahren bei Lasius niger auch beobachtet, jedoch konnte ich nie feststellen ob die Weibchen erfolgreich begattet wurden oder nicht.


BERICHTIGUNG:
Wie ich gerade sehe ist mir im ersten Beitrag ein Fehler unterlaufen. Ich habe die Königin nicht bei der Rückkehr mitgenommen sondern auf der Reise NACH München. Ich habe sie beim Volltanken des Wagens und (lästigem) Vignettenkauf auf einem Parkplatz kurz vor der österreichischen Grenze vor dem Karawankentunnel aufgegabelt. Sie unternahm also eine Reise nach München und dann, nach drei Tagen, wiederrum zurück nach Ljubljana. Sie hat also drei Tage in einem Transportbehälter (befeuchtet usw.) verbracht. Vielleicht könte auch hier die Ursache für die vermeintlichen Flügelprobleme stecken.
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Beitragvon earlant » 26. Mai 2006 10:35

Hallo K. Kris,

Hier eine Erfahrung, die ich 2005 im Aostatal mit schwärmenden Manica rubida gemacht habe. Drei Jungköniginnen hatte ich am 6. Juni mitgenommen; sie liefen entflügelt bzw. eine davon teilentflügelt auf einem Waldweg umher, wohl auf der Suche nach einem Platz zum Eingraben.

Am 21. Juni, also nach ca. 2 Wochen in einer Art Reagenzgläschen, habe ich sie seziert.
Nr. 1 und 2 hatten 20 bzw. 14 Eier gelegt, Nr. 3 hatte keine Eier gelegt.

Sektion Nr. 1: Hatte ca 12 Malpighi-Gefäße, ca. 2x15 Ovariolen, die relativ kurz waren, mit heranreifenden Eiern. Das Receptaculum seminis war normal weiß, dicht gepackt mit lebenden Spermien, die Flugmuskulatur war weitgehend abgebaut.

Sektion Nr. 2: Hatte ca 16 Malpighi-Gefäße, das Receptaculum seminis war wenig gefüllt, die ca. 12 (! also nur 2 x 6!) Ovariolen kurz, enthielten noch insgesamt 6 legereife Eier. (Thorax nicht geöffnet)

Sektion Nr. 3: (teilentflügelt), Ovar unentwickelt (also sehr kurz), ca 10 Ovariolen mit insgesamt nur zwei weißen Eiern (das bedeutet „mit Dottereinlagerung“, aber noch zu klein für die Ablage), das Receptaculum seminis enthielt kein lebendes Sperma, es erschien irgendwie verklumpt („geschädigt“). Die Flugmuskulatur war intakt, also nicht abgebaut.

Alle drei waren sehr fett; schwierig zu präparieren, deshalb sind die meisten Zahlen als "ca." angegeben.

Da gibt es also reichlich Variation, (Teil-)entflügelung ohne erfolgreiche Begattung usw..

Zu Ihrer Frage: Nach diesen Erfahrungen ist anzunehmen, dass Ihre Königin begattet ist (legt Eier in anscheinend normaler Zahl und zu normaler Zeit).
Ich nehme an, dass der Flügelabwurf übergangen wurde, weil sie dabei durch das Aufsammeln „gestört“ wurde. Wahrscheinlich hält die „Stimmung“ (ist eine wiss. Bezeichnung in der Ethologie für die Bereitschaft zu einer bestimmten Handlung) nur recht kurze Zeit an und verschwindet dann wieder, so dass der Flügelabwurf unterbleibt. (Ausdrücklich: Dies ist eine Annahme, nicht mehr!). Später werden die Flügel allmählich verschlissen und verschwinden schließlich ganz.

„Ich glaube mal gelesen zu haben, dass die Möglichkeit einer erfolgreich begatteten Königin befruchtete Eier zu legen, physiologisch durch den Flügelabwurf bedingt ist.“


Es gab so etwa vor 100 Jahren Versuche, geflügelte Gynen durch Abschneiden der Flügel zur Eiablage und Koloniegründung zu bewegen. Das war aber erfolglos, wenn die Gynen nicht begattet waren. Wie das dann so in der Sekundär- und Tertiärliteratur ("populäre Bücher") bzw. unter Laien läuft: Auf einmal wird das so interpretiert, als seien die Versuche erfolgreich gewesen, und dann wird weiter gesponnen, dass die Entflügelung Voraussetzung für die Eiablage sei. Ein typischer Werdegang für pseudowissenschaftliche Fiktionen! - Man kann nur immer zur Vorsicht mahnen.

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Beitragvon K Kris » 26. Mai 2006 14:30

Danke beiden für die Beiträge. Die sind sehr aufschlussreich.

Ich habe stark an der Behauptung, dass der Flügelabwurf nötig ist um Prozesse zu starten, die die Ablage befruchteter Eier fördern, gezweifelt, da sie mir bisher in der Literatur nur einmal untergekommen ist.

Draussen im Freien habe ich zwar schon teilentflügelte Jungköniginnen beobachtet, eine Jungkolonie mit alater Stammmutter ist mir jedoch noch nie begegnet.

Vielen Dank...und ich lasse wissen wie es letztendlich ausgeht.
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Beitragvon Cephalothorax » 26. Mai 2006 15:02

Unabhängig davon, dass ich noch keine Königin seziert habe und meine Beobachtung sich auf Lasius niger bezieht, kann ich nicht sagen, wie wertvoll diese Beobachtung für Manica rubida ist, aber:

Letztes Jahr fing ich diverse Lasius niger-Königinnen. Dabei fiel mir auf, dass diejenigen, die ich beim Entflügeln gestört habe alle nur teilentflügelt blieben...
Mir schien, dass wenn man das "Entflügelungsprogramm" unterbrach, die Königin dieses nicht wieder aufnahm. Die Flügel wurden immer zerzauster, als wenn die Königin sie anknabberte.

Ein unbegattetes Tetramorium caespitum-Weibchen klebte regelmäßig mit den Flügeln am RG fest und hing sich quasi selbst auf, sodass ich bei Lasius niger die Flügel vorsichtshalber selbst entfernte.

@Earlant:
Im Bezug auf o.g. T. caespitum:
Ich habe Ihren Post zum Taxonomieproblem bei Tetramorium spp. gelesen. Der Einfachheit halber, sei hier die Bezeichnung Tetramorium caespitum verwandt. :lol:

EDIT:
Auch die teilentflügelten Königinnen brachten bei Lasius niger Arbeiterinnen hervor und legten die "normale" Menge Eier. Eine sogar überdurchschnittlich viele.
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Beitragvon K Kris » 1. Jul 2006 22:19

Ich habe heute mit Freude festgestellt, dass 4 Nacktpuppen im RG zu sehen sind. Vor ein paar Tagen entdeckte ich vier Larven die stark nach Präpuppen aussahen, wollte aber keine voreiligen Schlüsse ziehen und meine Begeisterung lieber ein bischen drosseln.

Die Puppen sehen gesund aus und scheinbar sind es künftige Arbeiterinnen - also keine Männchen. Es scheint, dass die Koloniegründung erfolgreich verläuft.

Ich lasse noch von mir hören und bitte drückt mir die Daumen :D
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Beitragvon K Kris » 12. Jul 2006 22:36

Und hier ist die endgültige Bestätigung.

Die alate M. rubida Gyne, über die ich oben schrieb, ist erfolgreich begattet worden. Heute Abend haben zwei Arbeiterinnen das Licht der Welt erblickt. Herr Buschinger hat mit seinem "educated guess" voll ins Schwarze getroffen.

Ich lasse euch in ein paar Tagen genaueres über den Verlauf der Brutentwicklung wissen.
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