Anzahl der jährlichen Generationen bei Camponotus ligniperda

Archivbeitrage aus den Unterforen "Einsteigerfragen" und "Diskussion und Fragen allgemein" aus den Jahren 2003 bis 2008.

Anzahl der jährlichen Generationen bei Camponotus ligniperda

Beitragvon K Kris » 20. Jul 2006 17:05

Ende Juni, hat meine C. ligniperda Königin eine grössere Anzahl neuer Eier gelegt. Die schlüpfen jetzt allmählich. Ich frage mich nun ob diese Larven sich noch dieses Jahr verpuppen oder ob sie in diapause gehen und im Frühjah ausreifen? Oder legt sie noch dieses Jahr eine neue Eierschar?

Die Frage geht darauf aus ob C. ligniperda zwei "fast-brood" generationen pro Jahr aufzieht?

Angaben: Die Königin ist vom letzten Jahr. Es sind bisher 6 Arbeiterinnen.
K Kris
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Beitragvon earlant » 20. Jul 2006 19:35

Hallo K. Kris,

Was Sie meinen, sind „Bruten“, aufeinander folgende Gruppen von Larven, die sich verpuppen und zu Adulten werden, die aber alle von ein- und derselben Königin abstammen. Sie gehören alle derselben Generation an, also der von der Mutter- (Eltern-)generation abstammenden Tiere.

„Generation“ ist durch eine Abfolge von Großmutter- Mutter- Tochter- Enkelin usw. gekennzeichnet.
Leider wird bei der zunehmenden Verwahrlosung unserer Sprache der Begriff „Generation“ auch immer häufiger falsch verwendet. Man findet die Verwechslung sogar im Englischen, obwohl da der Begriff „brood batch“ das Richtige bezeichnet. Was aber setzt man dann an seine Stelle, wenn man wirklich die Abfolge von Generationen meint?

Bei den langlebigen Ameisenköniginnen führt das ja zu eigenartigen Konsequenzen:
Eine Lasius niger-Königin setzt ab ihrem 5. Lebensjahr z.B. 20 Jahre lang jedes Jahr eine neue Brut von Geschlechtstier-Nachkommen in die Welt. Sie alle gehören derselben Generation an, eben der Tochtergeneration dieser Königin.
Jungköniginnen der Tochtergeneration können ab ihrem 5. Lebensjahr Geschlechtstiere der Enkelgeneration erzeugen, und Jungköniginnen aus deren erster Geschlechtstierbrut sind Urenkel der anfänglichen Königin. Die aber erzeugt noch immer (jetzt in ihrem 15. Lebensjahre) weitere Geschlechtstiere der Tochtergeneration.
Theoretisch kann ein Männchen, also ein Sohn der ersten Königin, sich mit einem Weibchen verpaaren, das deren Urenkelin ist!
Man kann das weiterspinnen, auf Onkel und Tanten und Nichten und Neffen, man kommt zu kuriosen Verwandtschafts-Ehen!

Zu den Bruten (z.B. ein Vogelpaar kann zweimal im Jahr brüten: Keine 2 Generationen, sondern dieselbe Generation, aber in zwei Bruten nacheinander aufgezogen): Bei Ameisen ist selten eine scharfe Trennung zwischen einzelnen Bruten zu erkennen (ist jedoch sehr markant im Brut- und Wanderzyklus der Heeresameisen!); meistens legen die Königinnen andauernd Eier, mal mehr, mal weniger. Entsprechend kommt bei Arten mit Jahreszyklus im Frühjahr oft eine Brut, die aus überwinterten Larven entsteht. Aber noch bevor die alle geschlüpft sind, werden neue Eier gelegt und Larven herangezogen. Die können sich bis zum Sommer fertig entwickeln, vielleicht noch gefolgt (überlappend) mit einer dritten Brut, oder aber ein Teil (die jüngeren) der sommerlichen Brut geht in die Winterruhe und wächst dann als Frühjahrs-Brut heran.

Ich kann es nicht genau sagen, wie das bei Camponotus läuft. Je nach Temperaturverlauf und Nahrungsangebot ist das System sicher auch flexibel. Brian hat ja deshalb auch die Begriffe „slow brood“ und „rapid brood“ geformt, slow brood für die Larven, die wegen der Überwinterung halt 6-7 Monate länger vom Ei bis zur Imago benötigen, und rapid brood für solche, die ihre Entwicklung vom Ei bis zur Imago zwischen Frühjahr und Herbst, also in 2-3-4 Monaten durchlaufen. Bei zu frühem Winter-Einbruch werden die letzten Larven aus der rapid brood halt einfach zu slow brood.

Auf jeden Fall aber sollte in einem solchen jungen Volk nach Aufzucht der überwinterten Larven mindestens eine "rapid brood" zur Entwicklung kommen, d.h., es sollten noch in diesem Jahr weitere Arbeiterinnen aus den im Frühjahr gelegten Eiern entstehen.

MfG, Earlant
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Beitragvon K Kris » 20. Jul 2006 20:20

Vielen Dank für die wie immer ausführliche Antwort.

Wie immer bin ich auch dankbar für jegliche Berichtigung meiner Deutschkenntnisse - ich benutze hier in Ljubljana Deutsch bloss hin und wieder mit meinem Vater oder meiner Schwester - ansonsten ist Slowenisch angesagt:) Und dann lässt der korrekte Sprachgebrauch schon manchmal nach. An "Bruten" habe ich gar nicht mal gedacht.

Natürlich ist eine kleine "rapid-brood" schon ausgereift, bzw. ist am ausreifen, worüber ich schon in diesem Beitrag schrieb (obwohl mit Problemen - ein Nachrichten folgt in Kürze).

Bei dieser Kolonie erschien mir die Eiablage der Königin jedoch auf eine recht kurze Zeitspanne begrenzt. Innerhalb weniger Tage legte die Königin eine grössere Anzahl an Eiern und hörte dann für einen längeren Zeitraum scheinbar auf. Ende Juni legte sie dann eine weitere "Frühjahrsbrut" und legt seither scheinbar nicht mehr. Man bemerke jedoch das Wort scheinbar! Ich kann es natürlich auf keinen Fall genau sagen, da ich eine "Brutzählung" keinesfalls umsetzen kann.

Ich warte es jedenfalls ab und hoffe, dass diese Brut etwas erfolgreicher aufwächst als die letzte.
K Kris
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Beitragvon earlant » 22. Jul 2006 08:19

Hallo K. Kris:

Machen Sie sich keine Sorgen um Ihre Deutschkenntnisse! Die sind weit besser als bei manchem Forenuser, für den Deutsch die Muttersprache ist (wobei ich nicht nur das Antstore-Forum meine).

Außerdem mag man die Unterscheidung in "Generationen" und "Bruten" für spitzfindig halten. Mancher Wissenschaftler kennt diesen Unterschied auch nicht. Dabei sollten gerade Wissenschaftler die Begriffe ganz exakt einsetzen (leider kenne ich aber sogar Zoologen an der Universität, für die eine begattete Königin eine "befruchtete" Königin ist). Sprachverfall bis in die höchsten Kreise.

Trauriges Beispiel: "Generationswechsel". Presse, Fernsehen, selbst hochrangige Politiker bezeichnen damit den Ersatz der älteren Generation (Arbeiter, Angestellte, Lehrer etc.) durch die nachrückende jüngere Generation.
Das aber ist nun mal ein "Generationenwechsel".

Das Wort Generationswechsel bezeichnet (biologisch) einen Wechsel des Fortpflanzungsmodus innerhalb einer Art: Zum Beispiel entstehen Eier von Blattläusen (und damit die erste Generation im Frühjahr, die "Fundatrix", auf zweigeschlechtlichem Wege: Im Herbst gibt es männliche und weibliche Blattläuse, die sich paaren und ihre Nachkommen somit auf dem ganz üblichen Wege erzeugen (= generieren; daher Generation).

Die Fundatrix dagegen erzeugt parthenogenetisch (eingeschlechtlich, da die Jungtiere zwar aus den weiblichen Geschlechtsorganen stammen, aber das zweite, das männliche, Geschlecht dafür nicht benötigt wird) Jungtiere, die wiederum sich eingeschlechtlich fortpflanzen, so dass im Laufe des Sommers mehrere Generationen parthenogenetischer Läuse auftreten. Erst zum Herbst hin werden parthenogenetisch auch Männchen und begattungsfähige Weibchen erzeugt, die sich paaren, usw....
Ein Generationswechsel also zwischen zweigeschlechtlich und eingeschlechtlich generierten Generationen.

Bei einigen wenigen Ameisenarten gibt es so etwas ebenfalls: Für Oecophylla longinoda wird ein Wechsel zwischen zweigeschlechtlich erzeugten Arbeiterinnen und eingeschlechtlich, von unbegatteten Arbeiterinnen, erzeugten Jungköniginnen sowie Männchen beschrieben (sollte überprüft werden!). Das wäre jedenfalls auch ein echter Generationswechsel. (Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch: Heterogonie).

Der Vollständigkeit halber: Es gibt auch noch einen Wechsel zwischen "ungeschlechtlicher" und zweigeschlechtlicher Fortpflanzung (wissenschaftlich: Metagenese). Hier pflanzt sich eine Generation ganz normal zweigeschlechtlich fort, während deren Nachkommen aus Körperzellen (also ohne Beteiligung von Geschlechtsorganen, ungeschlechtlich) weitere Nachkommen generieren, z.B. durch Teilung oder "Abschnüren" von Teilen des Körpers. Diese ungeschlechtlich entstandene Generation kann sich dann wieder geschlechtlich weiter fortpflanzen. Beispiele gibt es nur bei "Niederen Tieren", etwa den Korallen und Seeanemonen, oder auch bei Plattwürmern.

mfG, Earlant

Edit:
@ K Kris: Wie Sie im Ameisenhaltung-Forum bemerkt haben, nehme ich öfter Anregungen aus den Foren auf um aktuelle Fragen im Ameisenwiki zu beantworten.
Da sind die Erläuterungen besser aufgehoben als in jedem Forum, wo sie ganz schnell in der Versenkung verschwinden, und wo kaum jemand mittels Suchfunktion danach schaut. Mit diesem Beitrag zum "Generationswechsel" mache ich das auch gleich so.
Das Ameisenwiki ist ja eine einzige „Suchfunktion“, wer sich da reinklickt, wird meistens rasch fündig. Ganz kluge User tragen dann dort gleich ihre unbeantworteten Fragen ein, die meist auch rasch beantwortet werden.
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