Ameisenhaltung in KiTa, Schule, Einrichtungen für Behindert

Hier kann alles zum Thema Ameisen diskutiert und gefragt werden.

Re: Ameisenhaltung in KiTa, Schule, Einrichtungen für Behindert

Beitragvon derameisige » 28. Jun 2018 18:42

An sich passt mein Beitrag am besten zu diesem Beitrag eine-anregung-welche-verantwortung-ubernehme-ich-t794.html , lässt sich aber nicht als Antwort anhängen (?)

Ein immer mal wieder in den Foren aufkommendes Thema ist der Wunsch von Erziehern, Pädagogen oder Betreuern irgendwie behinderter Menschen in ihren Institutionen eine Ameisenhaltung aufzuziehen.

Ich habe mir jüngst aufgrund einer E-Mail-Anfrage einige Gedanken dazu gemacht. Es gibt im Internet viele Anleitungen und Empfehlungen, oft sehr widersprüchlich. Dem Fragesteller habe ich Folgendes geantwortet:

Die erste Fragen ist: Was soll mit der Ameisenhaltung bewirkt werden?
Seit 2000 hat sich ein Ameisen-Hype entwickelt, nachdem jemand ein Ameisenforum eingerichtet hatte. Es existiert noch heute: http://www.ameisenforum.de/portal.php . Inzwischen gibt es 5 oder 6 deutsche und etliche ausländische Foren, und es gibt Tausende von Ameisenhaltern; geschätzte > 95 % geben nach wenigen Wochen oder Monaten auf, meist weil ihnen die Tiere eingehen oder langweilig werden.
Gleich zu Beginn haben sich ein paar Ameisenhändler etabliert; der bekannteste ist der Antstore in Berlin http://www.antstore.net/shop/index.php/language/de . Sie versenden inzwischen Ameisen aus aller Welt, Formikarien und allerlei mehr oder moft weniger brauchbaren Plunder als „Zubehör“. Manche „Händler“ sind Schüler im Alter von 14-16 Jahren. Die Haltungshinweise auf den Webseiten der Händler sind dürftig, viele Arten sind falsch oder ungenau bestimmt. So kann man auch in der wiss. Literatur nichts über deren Ansprüche an Klima, Nahrung usw. finden. Alle Ameisen werden der Natur entnommen; es gibt keine Nachzuchten wie etwa bei Zierfischen oder Vögeln und Kleinsäugern, es geht also um den reinen Verbrauch wild lebender Tiere!
Leider hat dann auch bald die Spielzeugindustrie diese Einkommensquelle entdeckt und bietet seither solchen Schrott an wie “Gelfarmen“, „Antquarium“ etc.. – Es ist erbärmlich wenig, was man bei derartiger „Haltung“ beobachten kann. Was Kinder dabei lernen sollen, ist mir nicht ersichtlich. Die Reklame schildert das natürlich in den rosigsten Farben.

Man muss sich auch überlegen, wie man den „Ameisenstaat“ den Kindern näher bringen will.

Die überkommenen Klischees von Königin und Untertanen, Prinzessinnen, Prinzen und Soldaten, passen nicht (obwohl man in den Foren manchmal gestandene Mannsbilder antrifft, die ihren Königinnen Namen geben, von den „Damen“ schwärmen usw.). – Mit einer Monarchie, Diktatur oder gar einer Demokratie hat ein Ameisenvolk absolut nichts gemein, und ob man die Verklärung des Hochadels, der seinen Reichtum ja nur aufgrund der „Sklavenarbeit“ zahlloser ausgebeuteter Untertanen (oft ja sogar „Leibeigener“) ziemlich unrechtmäßig angehäuft hat, in den Köpfen der Kinder weiter pflegen sollte, sei dahingestellt.

Eine bessere Beschreibung der Realität ist das Ameisenvolk als Super-Organismus, ein „Individuum“, dessen einzelne Zellen bzw. Organe (Königin, Arbeiterinnen, Larven) sich relativ frei bewegen, aber nur insgesamt als Ganzes funktionieren können (auch in unserem Körper gibt es frei bewegliche Zellen, etwa im Blut).
Alle Königinnen von Ameisen, Bienen, Wespen, sind Witwen (die Männchen sterben rasch nach der Begattung). Doch das Wichtigste vom Mann tragen sie zeitlebens mit sich: Das Sperma! Es wird bei der Begattung in eine kleinen Blase am Eileiter transportiert und dort lebend aufbewahrt, bei manchen Ameisen über 20 Jahre, wird dort ernährt, und jeweils wenn ein Ei aus dem Eierstock gleitet, gibt die Königin eine winzige Menge Sperma auf dazu. Tut sie das nicht, bleibt das Ei unbefruchtet, und es entwickelt sich zu einem Männchen!

Die Männchen sind also „vaterlose Gesellen“, zu nichts nütze als in ihrem kurzen Leben ihr Sperma in eine „Prinzessin“ zu pumpen, die Königin ist das Geschlechtsorgan des Superorganismus! Zu „regieren“ hat sie absolut nichts. Kommt es in der Haltung mal zur Aufzucht von Männchen, liegt der Kasten nach wenigen Tagen voller toter „Prinzen“, oder sie werden sogar von ihren Schwesterchen schlicht ermordet und gefressen.

Arbeiterinnen sind die Ernährungs- und Fortbewegungsorgane des Superorganismus. Bei einem Nestumzug tragen sie die Königin, sie laufen aus zur Futtersuche, das Futter verdauen sie und bilden daraus hochwertige Futtersekrete, darunter Vorstufen von Dotterproteinen. Die werden dann an die Larven und an die Königin übergeben. Sie synthetisiert daraus das Dottermaterial für ihre Eier. Sie selbst wäre ohne die „Zulieferung“ aus dem oft so genannten „Hofstaat“ niemals in der Lage, alleine eine Eiermenge zu produzieren, die ihr eigenes Gewicht an einem Tag übersteigen kann.
Die Arbeiterinnen und die bei manchen Arten vorhandenen „Soldaten“ sind samt und sonders Kinder der Königin. Dieser Staat funktioniert also (etwas hart formuliert) auf der Basis von Kinderarbeit und verteidigt sich mittels „Kindersoldaten“!
-- Hier höre ich mal auf; ich könnte noch vieles mehr schreiben! --

Mutatis mutandis ist es also die Frage, wie man den Betreuten dies nahe bringen kann, wie man sie dazu bringt, sich ausdauernd mit solchen Tieren zu beschäftigen. Eine Königin von Lasius niger samt Volk wurde von einem an den Rollstuhl gebundenen Herrn über fast 29 Jahre gepflegt, bis zu ihrem Tode. Arbeiterinnen sind kurzlebig, 2-3 Jahre, dann liegen sie als Leichen im Formikar. Sie werden stetig durch neue und immer mehr Arbeiterinnen ersetzt.
Hier gibt es eine ausführliche Anleitung zur Haltung diverser Arten, sowie Grundlegendes zur Biologie: https://www.ameisenforum.de/vbseiten.php?id=12
Für die Haltung zu empfehlen ist auch ein Blog von einem sehr erfahrenen Halter: Hyperlinks sind nur für registrierte Nutzer sichtbar
Eine alte, aber noch erreichbare website von Krungkühne: Hyperlinks sind nur für registrierte Nutzer sichtbar – Hier speziell sein Aufbau für eine größere Kolonie Lasius niger.

Ja, wenn Sie das Projekt durchführen wollen, ist Lasius niger zu empfehlen. Im Sommer schwärmen sie, so dass man leicht ein paar begattete (nach Abwurf der Flügel) Jungköniginnen aufsammeln kann. Jede einzeln in ein Reagenzglas, wie in dem ersten Link beschrieben. Dunkel halten, keine Fütterung. Für ca. 6 Wochen tut sich nichts, dann hat die Königin erste Arbeiterinnen aufgezogen.

Nun kann man das RG in eine „Arena“ setzen; das muss nicht eine teure aus dem Shop sein. Alternativen sind in dem Link genannt.
Futter. Honig mit Wasser ca. 1:1 verdünnt; Insekten (aus käuflichen Mehlkäfer-Larven entstehende Puppen absammeln, kurz überbrühen, dann ins Gefrierfach). Der Verbrauch ist gering, und derartiges Futter überträgt auch keine Milben auf die Ameisen.

Überwinterung: Wie im Freiland, so ab Mitte Oktober bis Ende März, evtl. in kühlem Kellerraum oder unbeheizter Garage etc..
Das Nest (ob Reagenzglas oder später Plastikbox oder Ytongblock mit eingefrästen Kammern) stets verdunkelt halten (Rote Folie, NICHT klebend, so dass man sie von der Scheibe kurzfristig abheben kann zur Beobachtung).
Temperatur: Normale Zimmertemperatur reicht in der Zeit außerhalb des Winters.

Ein großes Volk kann junge Männchen und geflügelte Königinnen aufziehen. Die lässt man frei, denn Verpaarungen gibt es nicht in der Gefangenschaft.
Das wäre wohl das Wesentliche. Was ich noch dringend empfehlen kann: Jemand, der sich mit Ameisenhaltung auskennt, sollte die Haltung betreuen. Und: Man sollte eine „Vorlauf- und Übungszeit“ einplanen, bevor man Kinder bzw. behinderte Menschen mit dem Projekt konfrontiert! Von den jungen Königinnen sterben z. B. sehr bald einige, aus unterschiedlichsten, oft natürlichen Gründen. Zumindest Kinder und Jugendliche sind dann oft verzweifelt und machen sich selbst Vorwürfe.

So etwa werden von mir Fragesteller zu diesem Thema instruiert.
Gewiss gibt es auch hierzu divergierende „Meinungen“. Dieser Artikel gibt meine Einschätzung wieder. Wer eine ähnliche Anfrage bekommt, kann sich hier inspirieren lassen, oder seine eigenen Vorstellungen äußern. Rückmeldungen sind leider selten.

MfG,
derameisige

PS: Im Ameisenportal hatte ich das Thema ähnlich vorgestellt, am 8. Okt. 2017: http://www.ameisenportal.eu/viewtopic.p ... 670#p14968
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Re: Ameisenhaltung in KiTa, Schule, Einrichtungen für Behindert

Beitragvon Barristan » 3. Jul 2018 17:07

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