Woher wissen die Arbeiterinnen, was sie genau machen sollen?

Hier kann alles zum Thema Ameisen diskutiert und gefragt werden.

Woher wissen die Arbeiterinnen, was sie genau machen sollen?

Beitragvon JonasDienst » 10. Apr 2011 15:25

Eine Frage brennt mir schon lange auf der Zunge. Innerhalb einer Kolonie gibt es ja Arbeiterinnen, die sich damit befassen, das Nest umzugestalten (Gänge graben, Zugänge zubauen usw.), andere sind mit der Brutpflege befaßt, wieder andere gehen auf Nahrungssuche...
Woher weiß eigentlich eine Arbeiterin, was sie davon machen soll. Sprechen die sich irgendwie ab, so nach dem Motto "da sich diese 10 schon um die Brut kümmern, könnt ihr 5 ja mal Futter suchen"
Und angenommen, man würde jetzt die Anzahl der Arbeiterinnen, die für eine Aufgabe bestimmt sind, stark reduzieren, würden dann Arbeiterinnen aus einem anderen Aufgabenbereich ihre Tätigkeit wechseln, um den Mangel zu kompensieren usw.?
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Re: Woher wissen die Arbeiterinnen, was sie genau machen sollen?

Beitragvon Markus » 10. Apr 2011 16:22

Meistens handeln Arbeiterinnen nach Bedarf, beispielsweise wenn es darum geht, rauszugehen und Futter zu sammeln:
(das ist jetzt stark vereinfacht und muss nicht alles so stimmen, aber in etwa müsste es hinkommen)
-einmal gibt es eine Neigung, dass jüngere Arbeiterinnen eher im Nest bleiben und ältere Arbeiterinnen eher nach draußen gehen, aber auch eine junge Arbeiterin kann nach draußen gehen, wenn das nötig ist.
-weiterhin neigen hungrige Arbeiterinnen eher dazu, Futter zu suchen, Futter erhalten kann eine Arbeiterin entweder von anderen Arbeiterinnen, (zur Not auch von Larven und der Königin, aber das sind Ausnahmefälle,) oder bei der Futtersuche,
bekommt eine Arbeiterin von ihren Schwestern genug Futter, ist es auch nicht nötig, rauszugehen,
Futter abgeben tut sie an andere Arbeiterinnen, an die Brut und die Königin, hinzu kommt noch ihr eigener Verbrauch.
Für gewöhnlich steigt also mit sinkenden Nahrungsvorräten in der Kolonie die Tendenz, rauszugehen und Futter zu sammeln - in der Regel spielt sich also ein Gleichgewicht ein, sodass ständig Futter gesammelt wird und die Futtervorräte möglichst auf gleichem Niveau sind.

Natürlich ist das sehr vereinfacht und verallgemeinert dargestellt, im Grunde handelt es sich jedoch bei Verhaltensameisen in der Regel um recht einfache Routinen, die aber in ihrem Zusammenspiel sehr komplex werden können.
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Re: Woher wissen die Arbeiterinnen, was sie genau machen sollen?

Beitragvon mati » 10. Apr 2011 17:03

Diese Frage hatte ich mir auch schonmal gestellt und finde sie immer noch interessant, da vieles noch nicht klar ist. Auf meiner Suche bin ich dann mal auf dieses Video gestoßen und der Vortrag könnte vielleicht auch dich interessieren.
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Re: Woher wissen die Arbeiterinnen, was sie genau machen sollen?

Beitragvon Sahal » 11. Apr 2011 12:28

sawasdee krub

Polyethismus ist wohl noch nicht ausreichend erforscht, und nur bei wenigen Arten beschrieben worden.
Leider gibt es zu diesem umfangreichen Thema also eher Vermutungen und Theorien als definitive Aussagen.

Grundlegend kann man sagen, das bei jedem eusozialen Insekt jedes artspezifische Verhalten und jede Morphe genetisch in Sequenzen/Abschnitten verankert ist. Nun geht es mehr oder weniger "nur" darum, ein bestimmtes Aussehen und Verhalten auszulösen, dh die bestimmten Gensequenzen/Instinkte zu aktivieren oder zu hemmen.

Zum einen gibt es den Di-/ und Polymorphismus, bei denen die bevorzugten Aufgaben an die Morphe/den Körperbau gekoppelt sind.
Bei den dimorphen Oecophylla zB kümmern sich die Minors um Brut und Läuse, Majors um den eigentlichen Außendienst. Wird Alarm ausgelöst, verkrümmeln sich die Minor schnell ins Nest bzw vom Alarm weg, die Majors jedoch rennen zum Alarm hin und greifen umgehend an. Das zeigt sich dann aber immer Artspezifisch, denn bei den einen flüchten die Minors, bei den anderen die Majors/Soldaten.

Bei zB Termiten ist bekannt, dass eine Kaste/Unterkaste/Gruppe sich selbst hemmt... dh wenn der Anteil an zB Soldatengeruch (Pheromonen) im Volk ein bestimmtes Level erreicht hat, wird die Produktion/Entwicklung weiterer Soldaten gehemmt bzw deren Gensequenzen nicht aktiviert.
Ebenso wird wohl bei Ameisen die Produktion/Entwicklung einer Unterkaste gehemmt, sobald ein bestimmtes Verhältnis erreicht wurde (oder bei Mangel die Entwicklung gefördert). Das dieses Verhältnis allerdings flexibel ist, zeigt zB Pheidole: in Anwesenheit eines anderen Pheidole-Volkes erhöht das Volk den (teuren) Soldaten-Anteil.
Bei Formica polyctena zeigte Otto, dass die Abwesenheit von Außendiensttieren (oder Anwesenheit zu vieler Innendiensttiere) und mangelhafte Proteinversorgung die Entwicklung der Ovariolen frisch geschlüpfter Arbeiterinnen hemmte und diese sofort in den Außendienst gingen.

Alterspolyethismus, dh je nach Alter ändern sich die bevorzugten Aufgaben, wie es ganz deutlich bei der Honigbiene auftritt. Bei Formica konnte gezeigt werden, dass mit zunehmendem Alter und abnehmender Ausbildung/Funktion der Ovariolen die Tiere über Wachdienste in den Außendienst wandern bzw die bevorzugte Tätigkeit Außendienst (oder besser das Verlassen des Innendienstes) die Ovariolen verkümmern lässt.

Es ist aber immer schwer zu sagen, was nun Ursache und was Wirkung ist!
Hemmt eine ausreichende Proteinversorgung die Entwicklung von Außendienst:Jäger, oder fördert der Mangel die Entwicklung?
Oder ist es der weitergegebene Reiz der bettelnden Larven und Gynen, der die Entwicklung von Außendienst:Jäger fördert?
Zumindest sind Ameisen und Termiten relativ flexibel und arbeiten wohl nach Reizschwellen. Dh verschiedene Gruppen haben unterschiedliche Reizschwellen auf Proteinhunger, Kohlenhydrathunger, Dreck, Putztrieb, Wächterdienste usw usf
Sobald die verdauenden/larvenversorgenden Arbeiterinnen Bedarf an Protein melden, spurten die Außendienst:Jäger los und tragen Proteine ein, andere Gruppen zeigen sich jedoch wenig beeindruckt. Erst wenn der Mangel an Protein intensiver gemeldet wird, zeigen sich auch Mitglieder andere Gruppen sensibel und steigen temporär in die Gruppe Außendienst:Jäger ein.

Kurz: alle Aufgaben im Volk sind genetisch als Instinkte verankert und müssen "nur" ausgelöst oder gehemmt werden.
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Re: Woher wissen die Arbeiterinnen, was sie genau machen sollen?

Beitragvon Nero » 11. Apr 2011 13:11

Danke für diese ausführliche Antwort Sahal und auch natürlich für deine Mühe.
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Re: Woher wissen die Arbeiterinnen, was sie genau machen sollen?

Beitragvon marklant » 11. Apr 2011 14:20

Das Thema fasziniert mich seit Jahren und es ist immer wieder erstaunlich zu was Ameisen mit ihrem kleinen Nervensystem doch fähig sind. Es gibt da ein sehr gutes Buch von Hölldober und Wilson ("The Ants" einfach mal bei Amazon eingeben). Wenn man sich richtig für Ameisen interessiert (und die Englischkenntnisse ausreichen - vorsicht, ist ein wissenschaftliches Buch) sollte man da zumindest mal reinblättern. Ist richtig teuer (90€) aber man bekommt was für sein Geld (über 700 Seiten DIN A4 Format). Gibt es auch in kleinerer Version, dann aber natürlich nicht so ausführlich.

Wilson ist ein berühmter Soziologe und untersucht seit Jahren das Sozialverhalten sowie die Neurophysiologie der Ameisen (und anderer Tiere). Hölldobler ist der berühmteste Myrmecologe Deutschlands (hat auch einen guten Film gemacht "Ameisen - die heimliche Weltmacht" oder so ähnlich). Das Buch ist eigentlich eine geschlossenen "Ameisenenzyklopedie" mit allen Infos bezüglich Morphologie, Verhalten und Informationsverarbeitung (was ja mit dem Verhalten zusammenhängt).

Merke gerade das artet in Werbung aus :lol: - aber es lohnt sich wirklich.
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